• www.otxworld.ch
  • www.vistaonline.ch

OTXWORLD Plus

eHealth Schweiz

Strategie E-Health aus Ärztesicht

Vor zehn Jahren hat der Bundesrat die Strategie eHealth Schweiz verabschiedet. Was ist seitdem geschehen? OTXWORLD sprach mit Yvonne Gilli über den aktuellen Stand aus Ärztesicht sowie über die Möglichkeiten und Schwierig­keiten, die mit der Anwendung digitaler Technologien im Ge­sund­heitswesen verbunden sind.

Ergänzend zum gleichnahmigen Artikel in OTXWORLD Nr. 139, Mai/Juni 2017, lesen Sie hier das vollumfängliche Interview mit Yvonne Gilli.

Im Jahr 2007 hat der Bundesrat die Strategie eHealth Schweiz verabschiedet. Wie ist der aktuelle Stand?
Die Strategie ist genau zehn Jahre alt und umfasst drei grundsätzliche Handlungsfelder: Politische Rahmenbedingungen und Umsetzungshilfen für die Digitalisierung im Gesundheitswesen allgemein sowie das elektronische Patientendossier und die Bereitstellung von Online-Plattformen. Aktuell ist das Gesetz zum elektronischen Patientendossier in Kraft gesetzt worden und innert drei Jahren sollten die ersten Patientinnen und Patienten die Möglichkeit haben, ein elektronisches Patientendossier zu eröffnen.

Was sind die Hauptziele von eHealth?
eHealth steht für electronic health und ist ein Sammelbegriff für die Anwendung digitaler Technologien im Gesundheitswesen. Unter diesen Begriff fallen administrative Tätigkeiten wie die Rechnungsstellung ebenso wie die elektronische Steuerung von technischen Geräten oder der Diagnose-unterstützende Einsatz von Tablets am Krankenbett. Das übergeordnete Ziel von eHealth ist der kosteneffiziente und qualitätsunterstützende Einsatz digitaler Technologien im Gesundheitswesen.

Welche Möglichkeiten bietet eHealth aus Ärztesicht?
Ärztinnen und Ärzte haben je nach Fachrichtung und Ort der Tätigkeit völlig unterschiedliche Bedürfnisse. Während einzelne Fachrichtungen wie die ambulante Psychiatrie sich auf die Führung einer elektronischen Krankenakte und eventuell Diagnose-unterstützende Algorithmen beschränken können, sind geräteintensive Arbeitsorte wie Intensiv- und Notfallstationen oder Operationssäle auf hochkomplexe und digital unterstützte Handlungsabläufe und Gerätesteuerungen angewiesen.

Das elektronische Patientendossier gilt als Kernstück der Strategie. Welche Vorteile hat das Eröffnen des eDossiers für den Patienten?
Das Gesetz definiert das Dossier als ein virtuelles Dossier, über das dezentral abgelegte behandlungsrelevante Daten aus der Krankengeschichte eines Patienten oder seine selbst erfassten Daten in einem Abrufverfahren in einem konkreten Behandlungsfall zugänglich gemacht werden können. Einerseits haben alle Gesundheitsfachpersonen, welche den Patienten behandeln und für die der Patient den Zugriff auf sein Patientendossier erlaubt, Zugang zu den dort abgelegten Informationen. Anderseits kann der Patient selbst Gesundheitsdaten dort ablegen, und sie dem behandelnden Arzt zugänglich machen. Über das Dossier ist der Patient selbst im Besitz wichtiger Informationen und bestimmt auch selbst, mit wem er sie teilt. Die über das Patientendossier verfügbaren Informationen können zeit- und ortsunabhängig abgerufen werden.

Was ist der Nutzen für den Arzt?
Grundsätzlich ist der Nutzen für den Arzt der Gleiche wie für den Patienten. Er kann zeit- und ortsunabhängig die Informationen abrufen und erhält so Hilfestellungen für die Diagnose und Behandlung. Ob das elektronische Patientendossier in der Realität für den Arzt einen wichtigen Nutzen darstellt, hängt davon ab, welche Informationen überhaupt auf dem Dossier vorhanden sind. Zusätzlich ist es für den Arzt, aber auch für andere Gesundheitsfachleute wichtig, dass die Arbeitsabläufe durch das Dossier nicht unnötig kompliziert werden. Es ist deshalb für Gesundheitsfachpersonen wichtig, dass sie die Daten nicht mehrfach erfassen müssen, sondern das Dossier vernetzt wird mit der im Spital oder in der Praxis vorhandenen Informationstechnologie.

Innerhalb von drei Jahren müssen Spitäler den Digitalisierungsschritt vollziehen, so hat es das Parlament entschieden. Warum können frei praktizierende Ärzte im Gegensatz zu Spitälern freiwillig über den Digitalisierungsschritt entscheiden?
Es ist wichtig, zwischen Digitalisierung und elektronischem Patientendossier zu unterscheiden. Arztpraxen und Spitäler können elektronisch miteinander kommunizieren ohne das Patientendossier. Umgekehrt war das Gesetz zum elektronischen Patientendossier Impulsgeber für die Digitalisierung. Spitäler haben andere Behandlungsabläufe und andere Bedürfnisse als frei praktizierende Ärzte. Spitäler arbeiten bereits mit klinikinternen Informationssystemen, welche über das Betriebs- und Investitionsbudget kalkuliert und öffentlich mitfinanziert werden. In den Arztpraxen als relativ kleine wirtschaftliche Einheiten muss die Informationstechnologie voll privat finanziert werden, sowohl, was die Investition betrifft als auch den Betrieb. Zudem sind die Software-Angebote für die Arztpraxen noch kaum genügend weit entwickelt, um Behandlungsabläufe zweckmässig zu unterstützen. Es stellen sich den Spitälern und den Arztpraxen ganz unterschiedliche Herausforderungen.

Welche Schwierigkeiten sind mit dem eDossier verbunden?
Gerade erst sind die Ausführungsbestimmungen zum Gesetz über das elektronische Patientendossier veröffentlicht und das Gesetz in Kraft gesetzt worden. Erst die Praxistauglichkeit wird darüber entscheiden, ob das elektronische Patientendossier eine breite Anwendung findet, oder, ob die elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen andere und bessere Werkzeuge braucht. Es gibt verschiedene Erfahrungen aus dem Ausland. Bekannte Schwierigkeiten beinhaltet zum Beispiel die wiederholte Eingabe gleicher Daten. Neben Zeitverschwendung frustriert sie Gesundheitsfachpersonen und bleibt kostenintensiv. Die technologischen Details wurden nicht von Ärzten, sondern von Informatikern erarbeitet. IT-Fachleute wissen zwar, was möglich ist. Sie wissen aber nicht, was Ärztinnen und Ärzte für ihre Arbeit benötigen.

Wie können lückenhafte Dossiers von Ärzteseite vermieden werden?
Das elektronische Patientendossier wird noch lange lückenhaft bleiben, weil seine Ausgestaltung eine technologische Herausforderung darstellt und Schritt für Schritt umgesetzt wird. Es gibt nirgends auf der Welt vollständige elektronische Patientendossiers. Realität und Erwartungen klaffen weit auseinander. In einer ersten Phase sollen in der Schweiz die Verschreibung und Protokollierung der Medikamente Eingang ins Patientendossier finden. Wenn das gelingt, kann die Behandlungssicherheit deutlich verbessert werden. Der Beitrag der Ärzte wird sein, das Dossier mitzugestalten, damit es sowohl für den Patienten als auch für die Behandelnden nützlich ist, das heisst die Qualität der ärztlichen Arbeit unterstützt. Der Erfolg hängt dabei auch von den technologischen Angeboten und den politischen Rahmenbedingungen ab.

Gerade im Gesundheitsbereich handelt es sich um delikate Daten. Wie werden die Daten gesichert und wie wird der Datenschutz gewahrt?
Die Rahmenbedingungen dazu sind in Gesetzen und in den Ausführungsbestimmungen zum elektronischen Patientendossier festgehalten. Vorgeschrieben sind hohe Sicherheitsstandards, welche von zertifizierten Institutionen umgesetzt und garantiert werden. Der Patient hat jederzeit Zugriff auf seine Daten. Er berechtigt von ihm bestimmte Gesundheitsfachpersonen, die Daten einsehen und bearbeiten zu dürfen. Vor der Eröffnung des Dossiers muss der Patient sich ausweisen und es wird ihm eine Dossier-Kennnummer zugeteilt. Die Gesundheitsfachperson muss sich vor einem ersten Zugriff auf die Daten ebenfalls ausweisen. Als kritisch beurteilen Ärztinnen und Ärzte die Voraussetzungen für den Nachweis der beruflichen Qualifikation, um in Zukunft zu verhindern, dass «falsche» Ärztinnen und Ärzte unbemerkt in der Schweiz praktizieren können. Hier verlangt die Ärzteschaft eine stringentere Regelung.
Sowohl Datenschutz als auch Datensicherheit bleiben auf nationaler und internationaler Ebene eine grosse Herausforderung. Sie sind wichtig für das Vertrauen in das elektronische Patientendossier.

Welchen Einfluss hat die im Januar 2013 vom Bundesrat verabschiedete gesundheitspolitische Strategie Gesundheit 2020 für die Strategie eHealth Schweiz aus Ärztesicht
Gesundheit 2020 und die Strategie eHealth Schweiz sind aufeinander abgestimmt. Gesundheit 2020 ist eine Gesamtschau des Bundesrates und legt die Prioritäten in der Gesundheitspolitik bis 2020 fest. Über die vier Handlungsfelder Qualität, Versorgungssicherheit, Chancengleichheit und Transparenz zeigt die Strategie Massnahmen auf. eHealth umfasst einen Katalog an Möglichkeiten, welcher vor allem die Qualität in der Gesundheitsversorgung stärken kann. Deshalb fördert der Bundesrat eHealth. Dem elektronischen Patientendossier als Datenbasis im Behandlungsprozess wird dabei eine wichtige Rolle zugeschrieben. Für die Ärzteschaft ist die Digitalisierung unbestritten. Ob das elektronische Patientendossier zu einem brauchbaren Instrument wird, beurteilen viele Ärztinnen und Ärzte noch kritisch. Für sie ist entscheidend, dass die elektronischen Prozesse, die sie heute in Spitälern und Praxen anwenden, vernetzbar sind mit dem Dossier. Eine mehrfache Eingabe der gleichen Daten in das klinik- oder praxiseigene Informatiksystem und in das elektronische Patientendossier würde zu unvertretbaren Mehrkosten führen.
 

*Die gekürzte Version dieses Interviews finden Sie in OTXWORLD Nr. 139, Mai/Juni 2017. > Magazin-Archiv

Dr. med. Yvonne Gilli ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin FMH und Mitglied des FMH-Zentralvorstandes für den Bereich Digitalisierung und eHealth.

Dr. med. Yvonne Gilli ist
Fachärztin für Allgemeine
Innere Medizin FMH und
Mitglied des FMH-Zentral-
vorstandes für den
Bereich Digitalisierung
und eHealth.

Forum Istitut ist der Partner Healthcare-Branche für Weiterbildung in der Schweiz