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Naturkosmetik: Ethik schlägt Bio

  • «Schön und gut» reicht für zertifizierte Naturkosmetik nicht mehr, um sich gegen die Konkurrenz zu behaupten. Wie sollen Hersteller und Fachhandel auf die Veränderungen des Marktes reagieren?

    Die Druckversion des Artikels «Naturkosmetik: Ethik schlägt Bio» finden Sie in OTXWORLD Nr. 144, November/Dezember 2017. > Magazin-Archiv

  • Naturkosmetik

Zu den Experten:

Elfriede Dambacher gründete 1984 das erste Fachgeschäft für Naturkosmetik in Berlin. Die Betriebswirtin und Drogistin startete 2003 das Beratungsunternehmen naturkosmetikkonzepte und gründete 2009 den naturkosmetik verlag, dessen Geschäftsführerin sie bis Ende
2016 war.
 
Wolf Lüdge ist seit 2017 Eigentümer und Geschäftsführer des naturkosmetik verlags und damit auch Ausrichter des Naturkosmetik Branchenkongresses. Der Diplom-Kaufmann ist ein anerkannter Kenner des deutschen Bio-und Naturkosmetikmarktes und Autor des Buches «Natural Leadership – from head to leader».
 

Ein Gespräch mit Elfriede Dambacher und Wolf Lüdge

Im September fand der internationale Naturkosmetik-Kongress bereits zum zehnten Mal statt. Können Sie ein kurzes Fazit ziehen?
Wolf Lüdge: Wir sind sehr zufrieden. Ich habe den Kongress zum ersten Mal in der Gesamtverantwortung durchgeführt. Frau Dambacher war seit Beginn als Programmvorsitzende dabei. Wir hatten rund 250 internationale Besucher: Hersteller, Händler aus ganz Europa, Zulieferer, Wissenschaftler und die Verbände. Die Besucherzahl ist von Jahr zu Jahr stetig gestiegen. Dies zeigt, dass wir mit unserem Kongress die Fragen aufgreifen, die die gesamte Kosmetikbranche interessieren.
 
Von den Besuchern haben wir ein überwältigendes Feedback erhalten. Sie haben uns bestätigt, dass wir mit unserer Themenwahl den Nagel auf den Kopf getroffen haben und dass der Kongress zukunftsweisende Themen aufgegriffen hat, die auch weit über den Bereich der Naturkosmetik hinausgehen. Die Teilnehmer schätzten besonders die Ausführungen beider Keynote-Speaker über «Kunden 2030: Dialog mit vielen Unbekannten?» und «Revitalisierung von Marken im digitalen Wandel».
 
Wie wächst der Naturkosmetikmarkt und in welchen Absatzkanälen am meisten?
Elfriede Dambacher: Der Naturkosmetikmarkt wächst weltweit pro Jahr um 10%, allerdings wird da nicht streng unterschieden zwischen zertifizierter Naturkosmetik und naturnaher Kosmetik. Schneller als die zertifizierte Naturkosmetik wachsen Naturkosmetikmarken ohne Siegel und die naturnahe Kosmetik. Das hängt natürlich auch mit der grossen Marketingpower von deren Hersteller zusammen. In Europa ist Deutschland der stärkste Naturkosmetikmarkt; er verzeichnet Zuwachsraten auf hohem Niveau um 4%. In der Schweiz holt der Naturkosmetikmarkt auf und wächst prozentual stärker als in Deutschland. Hier hat sich viel bewegt. Es gibt mehr Produkte und mehr Verkaufsstellen; für 2017 wird ein Wachstum zwischen 5% und 8% geschätzt. Heute wird überall Naturkosmetik gekauft, wo es auch Kosmetik gibt.
 
Wie hat sich der Onlinehandel entwickelt?
Lüdge: Alle Experten und Sprecher auf dem Kongress waren sich darüber einig, dass der Onlinehandel nicht getrennt vom stationären Handel gesehen werden kann und dass der Einzelhandel eine Lösung für den E-Commerce braucht. Denn: Je jünger die Zielgruppen werden, umso stärker informieren sie sich online und kaufen auch dort ein. Interessant ist, dass sie online auch deshalb verstärkt Naturkosmetik einkaufen, weil im stationären Handel – im Fachhandel – häufig kein attraktives Sortiment vorzufinden ist.
 
Dambacher: Neue Ansätze zwischen stationärem und Online-Handel sind daher nötig, damit der Fachhandel keine Kunden verliert. Die zukünftige Form des Einkaufs wird sich nachhaltig verändern. Der Fachhandel vor Ort muss sich vor allem durch Service und über attraktive Sortimente profilieren. Dann wird er auch für Jüngere wieder attraktiv: Das ist eines der Ergebnisse des Kongresses, das auch durch verschiedene Studien belegt ist. Apropos attraktives Sortiment: Für Fachgeschäfte wie Drogerie und Apotheke ist es wichtig, nicht nur zwei Naturkosmetikmarken zu führen, sondern eine Auswahl zu bieten, beispielsweise Klassiker mit internationalen Nischenmarken zu kombinieren, die etwas Besonderes darstellen.
 
Wie profilieren sich heute neue Produkte?
Dambacher: Von der Naturkosmetik wird erwartet, dass sie natürliche und wenn möglich biologische Inhaltsstoffe verwendet. Doch bei neuen Marken reicht «schön und gut» nicht mehr aus. Es braucht einen absolut neuen Zusatznutzen. Ethische Werte spielen eine grosse Rolle. Kurz: Ethik ist heute wichtiger als Bio. Denn heute erwarten Konsumenten über die Produktqualitäten hinaus auch Transparenz, sie wollen wissen, was hinter den Produkten steckt: Nachhaltigkeit, ethische und soziale Aspekte und so weiter. Wichtig für jede Naturkosmetikmarke ist es daher, ethische Werte noch deutlicher hervorzuheben. 
 
Welche USPs sind besonders erfolgsträchtig?
Lüdge: Will eine Marke erfolgreich sein, braucht sie einen besonderen Reiz, den keine andere Marke aufweist. Das kann sein: eine besondere Wirkformel, ein besonderer Nachhaltigkeitsaspekt oder ein Problemlöser für Hautprobleme.
 
Welche Trends wurden auf dem Kongress vorgestellt?
Lüdge: Weltweit geht der generelle Trend zu milderen Kosmetikprodukten. Davon profitiert die Naturkosmetik in besonderer Weise: Es zeigen sich Trendprodukte, die Rücksicht nehmen auf die kostbare Ressource Wasser, sprich: wasserarme oder wasserfreie Produkte oder die mehr tun, als «nur» Fair-Trade-Rohstoffe einzusetzen. Im Trend liegen zudem sehr modern gestylte Produkte, die junge Zielgruppen ansprechen. Ebenso gefragt ist dekorative Kosmetik, nach wie vor Anti-Aging-Pflege und natürlich moderne Männer- und Haarpflege.
 
Welche Naturkosmetik-Marken sind im deutschen Markt erfolgreich?
Dambacher: Der Marktführer in Schweiz und Deutschland ist der Gleiche: die Schweizer Firma Weleda. Aber auch die Schweizer Naturkosmetikmarke Farfalla hat sich früh dem deutschen Markt geöffnet. Der deutsche Markt wird immer internationaler. Ich wünsche mir noch weitere Schweizer Marken, die nicht zuletzt auch wegen des Labels «Made in Switzerland» ein hohes Potenzial im deutschen Markt haben.
 
Welches sind erkennbare Veränderungen und Trends in der Naturkosmetik?
Lüdge: Da muss man unterscheiden: Es gibt zwei generelle Veränderungen, die besonderen Einfluss auf den Naturkosmetikmarkt haben. Die eine Herausforderung heisst Digitalisierung. Dadurch verändert sich komplett das Einkaufsverhalten. Konsumenten wissen mehr über Kosmetik und haben viel mehr Möglichkeiten, sich zu informieren und einzukaufen. Überdies hat die Nachfrage nach milderen und natürlicheren Schönheitsmitteln weltweit stark zugenommen. Die verstärkte Nachfrage nach Naturkosmetik oder natürlichen Produkten verändert den ganzen Kosmetikmarkt. Wir können beobachten, dass zum einen die Hersteller immer mehr naturnahe Produkte mit botanischen Rohstoffen und natürlichen Wirkstoffen auf den Markt bringen, zum anderen der Handel das Angebot ausbaut.
 
Welchen Herausforderungen müssen sich Naturkosmetikhersteller stellen?
Lüdge: Hersteller, die vor allem zertifizierte Naturkosmetikprodukte anbieten, haben sich einer zunehmend starken Konkurrenz aus dem sogenannten naturnahen Bereich zu stellen. Denn deren Hersteller und Vertriebsorganisationen werben mit aufmerksamkeitsstarken Kampagnen, die auch junge Menschen sehr gut erreichen. Hier hat die Naturkosmetik die vordringliche Aufgabe, ihre Vorteile deutlicher zu machen. Vor allem muss die Kommunikation klarer und lauter werden.
 
Die Digitalisierung und die Veränderung des Marktes sind, wie schon erwähnt, die beiden grossen Herausforderungen, die den gesamten Fachhandel betreffen. Durch Blogs, Instagram, YouTube und weitere solche Plattformen verändert sich die Informationspolitik komplett. Das Smartphone ist eine Art Wissensmaschine, die bei jedem Einkauf dabei ist. Dies verändert das Einkaufsverhalten nachhaltig. Der Handel braucht daher neue Kommunikationsformen. Wie man Menschen heute noch erreichen kann, ist die Herausforderung, der sich jeder stellen muss – auch inhabergeführte Fachgeschäfte. Es gilt, eine Antwort zu finden auf die Frage: Wie kann eine Drogerie, eine Apotheke oder ein Kosmetikfachgeschäft die Zukunft mitgestalten und sich vielleicht zusammenschliessen mit anderen Gruppierungen, um vom E-Commerce nicht abgeschnitten zu werden.
 
Elfriede Dambacher: Neue Wege sind gefragt, denn die Veränderungen gehen rasend schnell voran. Es war eindeutiger Tenor am Kongress, dass der stationäre Handel nicht an Bedeutung verlieren wird. Er muss sich nur neu erfinden: mit mehr Showroom, mehr Erlebnis und weniger täglicher Bedarfsdeckung.
 
Wichtig ist, dass man sich immer wieder Inputs von aussen holt. Das gilt auch für kleine Unternehmer. Das Thema Digitalisierung ist eine Geschäftsführungsaufgabe. Da viele Verantwortungsträger nicht mit der Digitalisierung aufgewachsen sind und nicht wissen, wie sich ihr Potenzial einsetzen lässt, sollten sie mit Start-?ups zusammenarbeiten und mit ihnen gemeinsam den Übergang gestalten, Schritt für Schritt.
 
Beim Schritt in die Zukunft darf man ruhig von anderen abschauen. Denn, wie gesagt, die Kommunikation für Kunden wird sich komplett verändern, ebenso das Einkaufsverhalten, und darauf muss man sich vorbereiten. Zudem muss man sich viel stärker als bisher an den Bedürfnissen der Kunden orientieren, die man schon erreicht. 
 
 

Naturkosmetik: Marken und Labels

In der Schweiz sind unzählige Naturkosmetikprodukte auf dem Markt. Ebenso gibt es eine Vielzahl von Gütesiegeln für Natur- und Bio-Kosmetika; sie dienen Konsumentinnen und Konsumenten als wichtige Orientierungshilfe beim Kauf. Eine kurze, nicht abschliessende Übersicht über Marken und Labels.

Naturkosmetik – Marken und Labels
«Naturkosmetik – Marken und Labels» (PDF)

Lesen Sie passend dazu den Artikel aus OTXWORLD Nr. 113 vom Februar 2015:
«Naturkosmetik auf Erfolgskurs» (PDF)
 

 

Elfriede Dambacher

Elfriede Dambacher

 Prof. Dr. Margrit Stamm

Wolf Lüdge

Bilder: Miriam Gückel

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