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Image der Ärzteschaft ist unter Druck

Offenbar ist es so, dass Spitäler und die Spezialisten für überwiesene Patienten Geld zahlen. Verschiedene Gesundheits-Politiker, Verbände und Organisationen nehmen zu den Kick-back-Vorwürfen Stellung.

Aus Platzgründen mussten wir in der OTXWORLD Nr. 115, April 2015, S. 6, im gleichnamigen Beitrag, die Aussagen von Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis (FDP), Nationalrätin Bea Heim (SP), sowie das Interview mit dem Präsident der FMH, Dr. med. Jürg Schlup, etwas zusammenfassen. Lesen Sie hier die vollständigen Aussagen.
 

Ärzte verkaufen Patienten

 

Interview mit Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis (FDP)

 

Wie haben Sie als erstes reagiert, als Sie vom Schmiergeld-Verdacht hörten? Wie ist Ihre heutige Meinung dazu?

Ich bin erschrocken. Sollten die geäusserten Verdächtigungen tatsächlich zutreffen, so haben wir ein Problem. Nicht nur wird das unabdingbare Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient durch solche Machenschaften massiv beeinträchtigt, es drängen sich auch Fragen zur Zuweisungsqualität und damit zur gesamten Qualitätssicherung auf.

Sehen Sie es auch so, dass die Fülle der negativen Verdächtigungen (eben auch bezüglich Boni in Spitälern, unnötigen Abklärungen und Operationen, teilweise zu viele Spezialärzte usw.) unabhängig davon, ob sie zutreffen oder nicht, das Vertrauensverhältnis Arzt/Patient beeinträchtigen könnte?

Selbstverständlich. Umso wichtiger ist es jetzt, dass seitens der involvierten Parteien alles dafür getan wird, um abzuklären, was an diesen Vorwürfen dran ist. Das Stichwort dazu ist Transparenz. Einfach wird das allerdings nicht sein: «Kick-back»-Zahlungen sind nicht nur unethisch, sondern womöglich auch illegal, was entsprechende Konsequenzen nach sich ziehen würde.

Scheint die Monetik gegenüber der Ethik an Gewicht zuzunehmen?

Ich könnte jetzt sagen, diese Gewichtsverlagerung sei Ausdruck, um nicht zu sagen Auswuchs, unserer heutigen Gesellschaft. Damit würde ich aber all denjenigen, die ihre moralischen Werte hochhalten – und zwar egal in welchem Berufsstand – Unrecht tun. Wir sollten allerdings aufhören, ständig von der «Ökonomisierung der Medizin» zu sprechen – und in diese Richtung zielt Ihre Frage wohl auch. Wir leben in einer Welt mit knappen Ressourcen aber mit einem überproportionalen Zuwachs des Ressourcenbedarfs im Gesundheitswesen. Ökonomie und Medizin müssen Hand in Hand gehen und sollen nicht in einer moralisierenden Diskussion gegeneinander ausgespielt werden.

Inwiefern müsste man das heutige Anreizsystem der Bezahlung von ärztlichen Dienstleistungen ändern?

Intransparente «Kick-back»-Zahlungen unter Leistungserbringern und die Ausgestaltung eines sachgerechten und wirtschaftlichen Tarifwesens im Bereich der Sozialversicherungen dürfen nicht miteinander vermischt werden. Das gesamte Krankenversicherungssystem würde dadurch in gewisser Weise erpressbar und könnte seine Funktion nicht mehr wahrnehmen. Der Schaden für Versicherte und Patienten ist hierbei offensichtlich.

Ist beispielsweise der Tarmed, der jede Einzelleistung separat vergütet, plus Zahlungszwang durch die Kassen, immer noch grundsätzlich richtig? Wie ist das in anderen Ländern wie beispielsweise Schweden, Holland, USA oder Frankreich?

Es würde zu weit gehen, an dieser Stelle in die Tiefe der unterschiedlichen Regelungen verschiedener Länder vorzudringen. Aber wie gesagt, Tarifierung und «Kick-back»-Thematik sind zwei separate Baustellen. Betreffend TARMED kann man sich durchaus die Frage stellen, ob die ausgeprägte Einzelleistungsvergütung noch zeitgemäss ist. Man darf sich aber nicht die Frage gefallen lassen, ob «Kick-back»-Zahlungen ein hinzunehmendes «Ventil» sind, um die wirtschaftliche Lage einzelner Leistungserbringer zu verbessern.
Angesprochen auf den Zahlungs- respektive Vertragszwang, fällt die Antwort ebenso einfach wie kontrovers aus: Die Politik ist derzeit immer noch der Meinung, dass daran nicht gerüttelt werden kann. Dass das nicht zu optimalen vertraglichen Lösungen führt, ist offensichtlich, weil stets die eine oder andere Vertragspartei von diesem Zwang profitiert. Ich bin deshalb durchaus der Meinung, dass das Thema auf die langfristige politische Agenda gehört, mit all seinen Ausprägungen. Bedingung ist, dass es nachhaltig und mit Weitsicht diskutiert wird. Und dass dabei die Weiterentwicklung unseres erstklassigen Gesundheitssystems im Vordergrund steht, nicht die Wahrung von Partikularinteressen der am System beteiligten Parteien.

Was wären konkrete Möglichkeiten, beispielsweise Schmiergeldzahlungen, aber auch beispielsweise unnötige Therapien, zu verhindern?

Wer sich unethisch oder gar illegal verhalten will, findet immer einen Weg, dies zu tun. An dieser Tatsache ändern zusätzliche Gesetzgebungen und strengere Kontrollen nur wenig.
Grundsätzlich gilt: Unnötige Therapien sind der Ausdruck von fehlender Qualität und Transparenz. Hier gilt es den Hebel anzusetzen. Der Aufbau qualitätssichernder Massnahmen auf institutioneller und partnerschaftlicher Ebene ist zwingend. Zudem bietet die Einführung des elektronischen Patientendossiers eine verbesserte Grundlage zur Vermeidung von unnötigen und doppelten Behandlungen.
Und schliesslich können auch die Patientinnen und Patienten dazu beitragen, unnötige Behandlungen und Therapien zu vermeiden. Dies, indem sie Eigenverantwortung übernehmen und ihr eigenes Verhalten punkto Arztbesuche und Medikamentenkonsum hinterfragen; indem sie Arztrechnungen vor dem Weiterleiten an ihren Krankenversicherer kontrollieren. Oder indem sie sich einem integrierten Versorgungsnetz anschliessen, bei dem die Leistungserbringer den Behandlungsablauf untereinander koordinieren und so unnötige Kosten vermeiden.

> Interview mit Nationalrätin Bea Heim (SP)
> Interview mit Präsident der FMH, Dr. med. Jürg Schlup

Weitere Stimmen aus dem Nationalrat finden Sie im Beitrag «Image der Ärzteschaft unter Druck» in der OTXWORLD Nr. 115, April 2015, S. 6.

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