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Image der Ärzteschaft ist unter Druck

Offenbar ist es so, dass Spitäler und die Spezialisten für überwiesene Patienten Geld zahlen. Verschiedene Gesundheits-Politiker, Verbände und Organisationen nehmen zu den Kick-back-Vorwürfen Stellung.

Aus Platzgründen mussten wir in der OTXWORLD Nr. 115, April 2015, S. 6, im gleichnamigen Beitrag, die Aussagen von Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis (FDP), Nationalrätin Bea Heim (SP), sowie das Interview mit dem Präsident der FMH, Dr. med. Jürg Schlup, etwas zusammenfassen. Lesen Sie hier die vollständigen Aussagen.
 

Ärzte verkaufen Patienten

 

Interview mit Nationalrätin Bea Heim (SP)

 

Wie haben Sie als erstes reagiert, als Sie vom Schmiergeld-Verdacht hörten? Wie ist Ihre heutige Meinung dazu?

Das darf nicht sein. Vereinbarungen auf Kosten der Versicherten, um sich selber finanzielle Vorteile zu verschaffen, um Spezialärzte oder ausgewählten Spitälern lukrative Eingriffe zu vermitteln, das geht nicht. Patientinnen und Patienten sollen sicher sein können, dass sie an die für die Behandlung besten Spezialärzte, resp. an das für die Therapie beste Spital überwiesen werden. Und die freie Spital- und Arztwahl muss garantiert bleiben Schon im Juni 2014 habe ich darum im Nationalrat interveniert. Bereits im Frühling 2014 meldeten FMH, die Schweizerische Gesellschaft für Chirurgie SGC und der Verein der leitenden Spezialärzte Schweiz einen wachsenden Trend zu Bonusvereinbarungen zwischen Spitälern, Chefärzten und leitenden Ärzten. Sie wiesen darauf hin, dass diese Boni falsche Anreize schaffen und unnötige Eingriffe fördern würden. Kritisiert wurden auch Verträge welche die Zuweisung und Weitervermittlung von Patientinnen und Patienten finanziell honorieren. An sich ist eine Zusammenarbeit für eine möglichst optimale Versorgung der Kranken begrüssenswert. Die Patientinnen und Patienten sind darüber zu informieren. Die freie Spital- und Arztwahl muss garantiert bleiben. Was nicht geht sind Vereinbarungen auf Kosten der Versicherten, um sich selber finanzielle Vorteile zu verschaffen, um Spezialärzten oder ausgewählten Spitälern lukrative Eingriffe zu vermitteln.

Sehen Sie es auch so, dass die Fülle der negativen Verdächtigungen (eben auch bezüglich Boni in Spitälern, unnötigen Abklärungen und Operationen, teilweise zu viele Spezialärzte usw.) unabhängig davon, ob sie zutreffen oder nicht, das Vertrauensverhältnis Arzt/Patient beeinträchtigen könnte?

Das Vertrauen zwischen Patient und Arzt ist ein wertvolles Gut und zentral für eine erfolgreiche Behandlung, für eine möglichst rasche Heilung. Gerade darum ist es wichtig, dass auch über Negatives informiert wird. Kritische Berichte ermöglichen den Versicherten ihr Spital informiert auswählen und mit ihrer Ärztin solche Fragen klären können. Dass der Kostendruck im Gesundheitswesen Gefahren für Versicherte, für Spitäler und Ärzte in sich birgt, liegt auf der Hand. Darum bringen Transparenz und Offenlegungspflicht sicher mehr, als wenn Problematiken einfach unter den Teppich des Schweigens gekehrt würden.

Scheint die Monetik gegenüber der Ethik an Gewicht zuzunehmen?

Es ist der Wettbewerb um die tiefsten Kosten und die höchsten Betriebsgewinne, der solche problematische Effekte wie «Kick-backs» und nebulöse Verträge fördert. Die Ethik aber verlangt Transparenz, optimaler Patientennutzen und damit nachweisliche Behandlungsqualität. Nur so können tatsächlich Kosten im Gesundheitswesen gespart werden. Bund und Kantone müssen sich dieser (von Ihnen gestellten) Frage stellen. Denn sie haben die Pflicht, dafür zu sorgen, dass Alle in diesem Land Zugang zu einer qualitativ guten Gesundheitsversorgung haben. Nichts ist teurer als schlechte Qualität – das gilt auch in Medizin und Pflege. Es bringt auch nichts wenn die Politik immer nur über die Kosten diskutiert. Patientennutzen, Qualität und Transparenz sind die Grundvoraussetzungen für die Wirtschaftlichkeit des Gesundheitswesens. Der Wettbewerb um die tiefsten Kosten und die höchsten Betriebsgewinne aber fördert so problematische Effekte wie «Kick-backs» und nebulöse Verträge.

Inwiefern müsste man das heutige Anreizsystem der Bezahlung von ärztlichen Dienstleistungen ändern?

Im Tarmed müssen Qualitätskriterien und die Koordination der Behandlung über den ganzen Krankheitsverlauf ebenso ein Thema sein wie der Einbau von risikoadjustierten Komponenten (Morbidität und soziale Faktoren). Die heutige Spitalfinanzierung führt dazu, dass private Spitäler sich auf Gesundheitsbereiche spezialisieren, die für sie eine Goldgrube sind. Die Vergütung der Spitalleistungen ist an Service public-Aufgaben und Kriterien der Outcome-Qualität zu koppeln. Die Hausarztmedizin muss gegenüber dem Einsatz von Technik dringend aufgewertet werden.
Ein Problem im heutigen Spitalfinanzierungssystem liegt darin, dass die Kantone seit 2012 keinen Unterschied mehr zwischen privaten und öffentlichen Spitälern machen dürfen. Jede Spitalleistung im stationären Bereich wird mit einer Fallpauschale rückvergütet. Dies führt dazu, dass private Spitäler sich auf lukrative Gesundheitsbereiche spezialisieren – wie etwa Hüft- und Knieoperationen - welche für sie eine Goldgrube sind. Das müsste man ändern, indem wir zum Beispiel die Vergütung bei allen Spitälern an Service public-Aufgaben und an transparente Kriterien der Outcome-Qualität koppeln.

Ist beispielsweise der Tarmed, der jede Einzelleistung separat vergütet, plus Zahlungszwang durch die Kassen, immer noch grundsätzlich richtig? Wie ist das in anderen Ländern wie beispielsweise Schweden, Holland, USA oder Frankreich?

Die Aufhebung des Kontrahierungszwangs unter dem Aspekt der Kosteneindämmung gefährdet die Versorgungssicherheit und fördert nicht den Wettbewerb um die beste Behandlungsqualität sondern leider den um die tiefsten Kosten. D.h., ohne rigorose und damit kostenträchtige Kontrollen der Versorgungs- und Qualitätssicherheit steigt bei den Kassen wie bei den Leistungserbringern die Versuchung zur Rationierung von Leistungen bei älteren, behinderten, schwer- und chronisch kranken Menschen. Das ist weder im Interesse der Versicherten und der Kranken noch im Interesse unserer Volkswirtschaft. Vielmehr sind Anreize zu schaffen, damit es für die Kassen in der Schweiz finanziell lohnend wird, Risikopatienten aufzunehmen und ihnen mit einem speziellen Versorgungsmodell (Desease-Modell) eine optimale Versorgung über den gesamten Krankheitsverlauf zu bieten (wie z.B. Holland)
Zudem wird die vorgesehene E-Health-Strategie einen wesentlichen Beitrag zur verbesserten Koordination der Behandlung bringen, die Behandlungsqualität weiter verbessern und die kostspielige Schnittstellenproblematik zu überwinden.

Was wären konkrete Möglichkeiten, beispielsweise Schmiergeldzahlungen, aber auch beispielsweise unnötige Therapien, zu verhindern?

Betreffend Schmiergeldzahlungen: Offenlegung der Rabatte und «Kick-backs» durch die Ärzte. Sie sollten aufzeigen, dass diese Vergünstigungen zugunsten der Patienten geflossen sind. A apropos Schmiergeldzahlungen: Offenlegungspflicht und ein Vorteilsverbot, wie es die Politik im Heilmittelgesetz vorsieht.
Ansonsten, wie es Transparency International vorschlägt, sollte Privatbestechung nicht als Antragsdelikt, sondern als Offizialdelikt ins Strafgesetzbuch aufgenommen werden.
Stärkung der Hausarztmedizin. In gewissen Regionen gibt es zu viele Spezialisten, was dazu führt, dass diese zu wenig ausgelastet sind und eher dazu tendieren könnten, Schmiergelder zu bezahlen, um Patienten zu erhalten. Es braucht auch deshalb eine Zulassungssteuerung durch die öffentliche Hand.
Massnahmen im Bereich der Aufsicht über die Geldflüsse zwischen Leistungserbringern und zwischen den Krankenkassen.
Betreffend unnötige Eingriffe verhindern: Es braucht Transparenz und offen kommunizierte Strategien der Qualitätssicherung, der Massnahmen für die Patientensicherheit und die Veröffentlichung der Ergebnisse, der Outcome-Qualität, dazu gehören auch negative Resultate und Massnahmen, um Verbesserungen zu erreichen.

> Interview mit Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis (FDP)
> Interview mit Präsident der FMH, Dr. med. Jürg Schlup

Weitere Stimmen aus dem Nationalrat finden Sie im Beitrag «Image der Ärzteschaft unter Druck» in der OTXWORLD Nr. 115, April 2015, S. 6.

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