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Image der Ärzteschaft ist unter Druck

Offenbar ist es so, dass Spitäler und die Spezialisten für überwiesene Patienten Geld zahlen. Verschiedene Gesundheits-Politiker, Verbände und Organisationen nehmen zu den Kick-back-Vorwürfen Stellung.

Aus Platzgründen mussten wir in der OTXWORLD Nr. 115, April 2015, S. 6, im gleichnamigen Beitrag, die Aussagen von Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis (FDP), Nationalrätin Bea Heim (SP), sowie das Interview mit dem Präsident der FMH, Dr. med. Jürg Schlup, etwas zusammenfassen. Lesen Sie hier die vollständigen Aussagen.
 

Ärzte verkaufen Patienten

 

Interview mit Dr. med. Jürg Schlup, Präsident FMH

 

Wie haben Sie als erstes reagiert, als Sie vom Schmiergeld-Verdacht hörten? Wie ist Ihre heutige Meinung dazu?

Ein solches Verhalten ist für die FMH inakzeptabel; wir haben dies gleichentags in den Medien klar kommuniziert. Für die FMH und deren Mitglieder gilt gemäss Artikel 36 unserer Standesordnung, dass die Überweisung eines Patienten an einen Spezialisten oder an ein Spital ausschliesslich aufgrund qualitativer Kriterien erfolgt und nicht von einer monetären Begünstigung abhängen darf. Ein allfällig standeswidriges Verhalten eines FMH-Mitgliedes wird auf Anzeige hin erstinstanzlich von der zuständigen Basisorganisation untersucht. Der zweitinstanzlichen FMH-Standeskommission sind bislang keine Fälle von Entschädigungen für die Zuweisung von Patienten bekannt.

Sehen Sie es auch so, dass die Fülle der negativen Verdächtigungen (eben auch bezüglich Boni in Spitälern, unnötigen Abklärungen und Operationen, teilweise zu viele Spezialärzte usw.) unabhängig davon, ob sie zutreffen oder nicht, das Vertrauensverhältnis Arzt/Patient beeinträchtigen könnte?

Die Bevölkerung ist nach wie vor sehr zufrieden mit dem Schweizer Gesundheitssystem, das belegen verschiedene Umfragen. Zuletzt der im Januar 2015 vorgestellte Euro Health Consumer Index: Rang zwei für unser Gesundheitswesen, dank hoher Zugänglichkeit und Angebotsvielfalt. Das Vertrauensverhältnis ist besser als in den meisten andern Ländern: Von allen 30 «alten» Industrieländern geniessen in der Schweiz die Ärzte das weltweit höchste Vertrauen und die höchste Zufriedenheit der Patienten mit dem Behandlungserfolg. Dies belegt eine Untersuchung, welche im Oktober 2014 in einer der renommiertesten Fachzeitschriften publiziert worden ist (R J Blendon et al. Public Trust in Physicians; n engl j med 371;17;october 23, 2014: p 1570-72). Bei medizinischen Entscheidungen muss die Unabhängigkeit der Ärztin und des Arztes gewährleistet sein. Deshalb lehnt die FMH zielbezogene Bonusvereinbarungen in Spitalarztverträgen ausdrücklich ab.

Scheint die Monetik gegenüber der Ethik an Gewicht zuzunehmen?

Im Gesundheitswesen darf kein Primat der Ökonomie herrschen. Der technische Fortschritt und die älter werdende Bevölkerung führen dazu, dass die Kosten im Gesundheitswesen steigen. Dieser Kostenanstieg muss sozialverträglich bleiben und darf die Solidarität zwischen den Generationen nicht gefährden. Die medizinische Versorgung muss nach wie vor qualitativ hochstehend bleiben und für alle zugänglich sein. Auch wenn aufgrund der steigenden Gesundheitskosten ökonomische Aspekte heute für Ärztinnen und Ärzte eine Realität sind, so haben die therapeutische Freiheit sowie die optimale Versorgung der Patienten stets Vorrang.

Inwiefern müsste man das heutige Anreizsystem der Bezahlung von ärztlichen Dienstleistungen ändern?

Weil die ärztlichen Leistungen im ambulanten und stationären Sektor nach wie vor unterschiedlich finanziert und abgerechnet werden, können Fehlanreize entstehen: Beispielsweise werden in der Schweiz Leistenbrüche meistens stationär behandelt, im Ausland häufiger ambulant. Die unterschiedliche Finanzierung der Versorgungssektoren muss angepasst werden, dabei hätte der Monismus Vorteile: Politisch ist dies heute nicht mehrheitsfähig. Bei der Tarifierung würden Komplexpauschalen zur Vergütung von Leistungen über die gesamte Behandlungskette hinweg eine Verbesserung bringen: Politisch ist dies heute ebenfalls nicht mehrheitsfähig.

Ist beispielsweise der Tarmed, der jede Einzelleistung separat vergütet, plus Zahlungszwang durch die Kassen, immer noch grundsätzlich richtig? Wie ist das in anderen Ländern wie beispielsweise Schweden, Holland, USA oder Frankreich?

Aus Sicht der FMH ist der TARMED nach wie vor ein geeignetes Abrechnungssystem für ambulante Leistungen. Weil die derzeit geltende Tarifstruktur seit Einführung nicht aktualisiert werden konnte, hat die FMH eine Gesamtrevision des TARMED an die Hand genommen: Gemeinsam mit Tarifpartnern (H+/ MTK) überprüft sie die über 4500 Tarifposition. Ziel ist es, bis Ende 2015 eine aktualisierte und überarbeitete Tarifstruktur vorzulegen, welche die ärztlichen Leistungen sachgerecht und betriebswirtschaftlich abbildet.
Da die Krankenkassen zur Zusammenarbeit mit allen Ärztinnen und Ärzten verpflichtet sind, können Patienten ihren Arzt frei wählen. Fällt diese Verpflichtung, wählen die Kassen, an welchen Arzt sich ihre Versicherten wenden dürfen und schränken damit die freie Arztwahl ein.

Was wären konkrete Möglichkeiten, beispielsweise Schmiergeldzahlungen, aber auch beispielsweise unnötige Therapien, zu verhindern?

Ob eine Therapie angezeigt ist und welche genau, orientiert sich stets daran, welche medizinische Behandlung für eine Patientin oder Patienten oder einen Patienten optimal nutzbringend ist. Die FMH gehört zur Trägerschaft von Swiss HTA; einer Organisation, welche medizinische Technologien, Prozeduren und Organisationsstrukturen systematisch bewertet. Auch prüft die Ärzteschaft im Rahmen der Indikations- und Diagnosequalität sowie im Projekt Smarter Medicine den Nutzen von medizinischen Leistungen. Was machbar und gleichzeitig medizinisch sinnvoll ist, gilt es zu fördern. Entscheidend ist dabei stets, dass das Wohl des Patienten oberste Maxime ist und bleibt.

> Interview mit Nationalrätin Bea Heim (SP)
> Interview mit Nationalrat Dr. med. Ignazio Cassis (FDP)

Weitere Stimmen aus dem Nationalrat finden Sie im Beitrag «Image der Ärzteschaft unter Druck» in der OTXWORLD Nr. 115, April 2015, S. 6.

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