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«Das waren interessante Jahre»

  • Trotz weniger Drogerien macht die Branche mehr Umsätze. Ein sehr gutes Zeugnis auch für Martin Bangerter, der seit beinahe 18 Jahren im Schweizerischen Drogistenverband als Geschäftsführer tätig ist. Davon die letzten acht Jahre als geschäftsführender Präsident. Ende 2017 tritt er ab – Zeit für ein letztes Gespräch mit ihm im OTXWORLD zum SDV.

    Die Druckversion des Artikels «Das waren interessante Jahre» finden Sie in OTXWORLD Nr. 145, Dezember 2017. > Magazin-Archiv

  • sdv

Als diplomierter Drogist mit Erfahrungen in der Pharmaindustrie brachte Martin Bangerter ideale Voraussetzungen mit, als er im März 2000 das Amt des Geschäftsführers des Schweizerischen Drogistenverbands übernahm. Zu seinem Wirken wollen wir in der Folge einige Entwicklungen der letzten 18 Jahre anleuchten. Lesen Sie hier online – zwecks Ergänzung zum gedruckten Beitrag im OTXWORLD 145 – die vollständige Version unseres Gesprächs mit Martin Bangerter.
 

Interview mit Manfred Bangerter

Was waren die hauptsächlichen Themen bei Ihrem Amtsantritt als Geschäftsführer?
Martin Bangerter: Herausforderungen gab es genug: Die Verordnungen zum ersten eidgenössischen Heilmittelgesetz waren in Erarbeitung, die bisher in Drogerien verfügbaren Hypericum-Präparate wurden in die Liste C umgeteilt, Grossverteiler erweiterten ihr Sortiment mit immer mehr Gesundheitsprodukten und das Interesse von Männern an einer Drogistenlehre nahm rapide ab. Dass sich die Welt der Gesundheit und damit auch die Drogerien ganz erheblich und rasch verändern mussten, war dem Vorstand sehr bewusst. Als neuer Geschäftsführer war ich gefordert, im Auftrag des Zentralvorstands die Drogeriewelt auf Kurs zu bringen – mit meinem Team in Biel, dem Zentralvorstand und zusammen mit einzelnen weitsichtigen Drogistinnen und Drogisten.

Sie sprechen von der DrogoVision 2010?
Ja, das war ein frühes Projekt. Es galt, zuerst konkrete Vorstellungen für die Branche zu entwickeln und entsprechende Ziele in grössere Zusammenhänge zu stellen. Basierend auf gesellschaftlichen Tendenzen und den zu erwartenden Bedürfnissen der Bevölkerung wurde in einem intensiven Prozess die DrogoVision 2010 entwickelt. Berater und Beraterinnen für Gesundheit, Schönheit und Wohlbefinden waren wir Drogistinnen und Drogisten schon immer. Aber jetzt mussten spezielle Qualitäten aus- und aufbaut werden. Man beschloss, bei der Ausarbeitung der DrogoVision 2010 und der anschliessenden Umsetzung, wo immer möglich auf bestehende Stärken der Branche zu fokussieren. Das war die Devise. Selbstmedikation und speziell auch Komplementärmedizin sollten unsere wahrnehmbare und profilierende Kernkompetenz werden.

Mit welchen Zielen?
Wir wollten und wollen das Gesundheitswesen entlasten und der Bevölkerung mit einer Topberatung im Bereich der Gesundheitsvorsorge und Prävention sowie einem qualitativ hochstehenden Sortiment bei allen mit Selbstmedikation behandelbaren Erkrankungen dienen, das war die klare Botschaft – und das ist sie bis heute. Damit ein Verband auf die Umsetzung von Massnahmen bei seinen Mitgliedern bauen kann, muss viel Zeit in Überzeugungsarbeit investiert werden. Dabei waren neben den Mitgliedern auch Sektionen und die Gruppierungen zu gewinnen. Die Umsetzung der DrogoVision 2010 war auch deshalb eine grosse Herausforderung ...

... die nicht leicht umzusetzen war?
Oft ging es nicht so schnell wie gewünscht. Trotzdem bewegte sich vieles in die richtige Richtung. Man hat dank den Impulsen der DrogoVision 2010 (und gerade auch wegen der teils sehr intensiven Diskussionen) den Weg in Richtung Zukunft gefunden. Die Profilierung bezüglich Selbstmedikation und die Fokussierung auf Komplementärmedizin verlief jedenfalls erfolgreich. Zusammen mit der Qualitätsförderung. Aber natürlich: Der SDV ist ein Verband, und Verbände können bekanntlich ihre Mitglieder zu nichts zwingen. Eine Vision kann in dem Sinne nicht verbindlich sein, aber durch die DrogoVision 2010 ausgelöste Fortschritte haben sich bewährt. Zum Teil sind diese sehr unspektakulär aber kontinuierlich gewachsen und haben sich langfristig etabliert. Zum Teil ist dadurch – insbesondere branchenintern – auch Konfliktpotenzial entstanden, das zuerst geregelt und entschärft werden musste, bevor man an den gesetzten Zielen weiterarbeiten konnte.

Es gab auch interne Strukturveränderungen und Statutenanpassungen?
Die vom Verband im Zusammenhang mit der Umsetzung der DrogoVision 2010 angegangenen Veränderungen waren Anlass für intensive Diskussionen über Aufgaben, Zusammenarbeit und Abgrenzungen mit den verschiedenen Gruppierungen. Sie haben schliesslich dazu geführt, dass die Statuten angepasst und die Präsidentenkonferenz unter Einbezug der Gruppierungen zur Branchenkonferenz erweitert worden ist. Wir haben einerseits gelernt, die Kreativität und den Power der Gruppierungen einzubeziehen, andererseits stehen die Gruppierungen auch bei Entscheidungen und Massnahmen für alle Mitglieddrogerien des SDV mit in der Verantwortung.

Nebst der positiv einzustufenden DrogoVision 2010 gab es auch Aktivitäten, die nicht wirklich erfolgreich verliefen. Beispielsweise die Branchenkampagnen?
Stimmt. Die Aussenwelt – etwa das BAG oder viele Gesundheitspolitiker – sahen Aktivitäten wie «Die Schweiz nimmt’s leichter», «kidzz» oder «besser gsund» sehr positiv und als echte Leistung der Drogerien im Rahmen des Gesundheitswesens. Aber innerhalb der Branche wurden sie viel zu verhalten umgesetzt, um wirklich einen nachvollziehbaren Impact entfalten zu können. Es ist uns leider nie richtig gelungen, eine relevante Anzahl Drogerien von diesen Massnahmen zu überzeugen. Gerade auch die Gruppierungen, die als Multiplikatoren in der Branche einen wichtigen Part übernehmen, haben mehrheitlich eher auf verkaufsförderndere Aktivitäten gesetzt. Ich empfand es immer als eine sehr grosse Herausforderung, erfahrenen, guten Unternehmern beizubringen, dass sie auch Aktivitäten unterstützen und fördern sollen, die langfristig für die Positionierung der Branche sehr wichtig sind, aber kurzfristig kaum Einfluss auf den Kundenfranken haben. Einzelne Drogerien haben zwar die Aktivitäten sehr engagiert unterstützt und dann auch positiv erlebt. Aber nachhaltige Wirkung für die Branche können solche Aktivitäten nur entfalten, wenn sie von mindestens zwei Drittel der Drogerien gleichzeitig umgesetzt werden.

Ein wesentliches Thema war auch die Zusammenführung der Drogerie-Marketingzentrale (DMZ) mit dem SDV.
Die DMZ hat für die Positionierung und die Entwicklung der Branche einen nicht wegzudenkenden Effort geleistet. Die Gemeinschaftswerbeaktivitäten waren zu ihrer Zeit genial. Die Kombination von Kommunikation in der Zeitschrift Drogistenstern mit Plakaten und/oder TV-Werbung, POS-Aktivitäten und weiteren Verkaufsförderungsmassnahmen wurde von mehr als drei Vierteln der Drogerien zuverlässig und konsequent im Geschäft und mit einem nicht unwesentlichen finanziellen Beitrag unterstützt. Deshalb waren die zehn Pakete pro Jahr auch bei den Industriepartnern äusserst beliebt. Eine der grössten Herausforderungen der Verantwortlichen war es damals, den Partnern zu erklären, warum bereits im Juli die Plätze für das nächste Jahr ausverkauft waren und sie frühestens im übernächsten Jahr wieder einen Platz ergattern konnten. Und das bei einem Paketpreis von CHF 180 000. Mit der stärkeren Filialisierung und Gruppierung der Branche und den Ansprüchen dieser Organisationen an ihre Mitglieder, eigenen Aktivitäten Priorität einzuräumen, entstand immer mehr ein brancheninternes Konkurrenzverhältnis. Die Unterstützung von den Drogerien war immer weniger selbstverständlich. Die letzte Gemeinschaftswerbeaktivität haben von ehemals über 500 Drogerien noch gerade 15 umgesetzt. Ebenfalls hatte der Verband aufgrund der Zielsetzungen aus der DrogoVision 2010 andere Ansprüche an die Kommunikations- und Marketingdienstleistungen in der Branche. Daraus folgten auch andere Ansprüche an die Struktur und die Organisation des Verbands und der DMZ. Die Fusion von DMZ und SDV war deshalb der logische Schritt.

Die Revision des Heilmittelgesetzes brachte neue Möglichkeiten?
Die Drogerien haben schon immer das Ziel der Listenzusammenführung verfolgt und eine einheitliche Abgabe aller nicht verschreibungspflichtigen Arzneimittel von allen Schweizer Drogerien gefordert. Immerhin waren die Wirkstoffe und Indikationen der Liste C ja auch schon lange fester Bestandteil der Ausbildung in der Lehre und an der Höheren Fachschule. Da auch das Heilmittelgesetz den Drogerien die volle Abgabekompetenz nicht zugestanden hat, musste für dieses Ziel weiter auf politischem Weg gekämpft werden. Es ging in erster Linie darum, das Potenzial der Drogerien endlich national einheitlich ausüben zu dürfen – und heute ist dieses Ziel erreicht.

Was waren die auslösenden Faktoren für die positive Hinwendung des Parlaments?
Wir haben kontinuierlich und mit grosser Unterstützung von Nationalrat Jürg Stahl sowie Alt-Nationalrat Roland F. Borer und Alt-Ständerat Rolf Büttiker die persönlichen Kontakte, insbesondere zu den Mitgliedern der Gesundheitskommissionen (SGK) ausgebaut. In vielen Gesprächen haben wir die Möglichkeiten und das Know-how der Drogerien aufgezeigt und erläutert, weshalb wir so überzeugt sind, dass die nationale Abgabe aller OTC-Arzneimittel durch Drogerien schon längst möglich sein sollte und wieso wir so verbissen für dieses Ziel kämpfen. In dieser Zeit haben wir auch begonnen, den «Apéro in der Drogerie» als jährlichen Parlamentarieranlass zu etablieren. Das Parlament schätzte die klare Kompetenz der Drogerien in Sachen Selbstmedikation und Komplementärmedizin offensichtlich und richtigerweise als hoch ein. Die verstärkte Kommunikation mit der Politik war also zielführend.

Wie soll die Kommunikation des Verbands wirken?
Die Ansicht, dass die Medien und die Kommunikation des SDV hauptsächlich dem kurzfristigen kommerziellen Erfolg diene, ist viel zu eng gedacht. Die Branchen-Kommunikation muss in der Hauptsache die nachhaltige Positionierung unserer Branche vermitteln. Und die Stärken der Drogerien in der Bevölkerung, in der Politik, bei den Behörden und bei Partnern bekannt machen. Diese Rolle erfüllt – parallel zu der individuellen Leistungserbringung der Drogerien und der persönlichen politischen Arbeit  in erster Linie der Drogistenstern mit seiner auch im Vergleich mit anderen nationalen Medien sehr hohen Reichweite von über einer Million Leser und Leserinnen. Welche andere Branche hat ein Sprachrohr, das pro Ausgabe über 26% der Frauen erreicht? Diese sind ja bekanntlich für sämtliche Anliegen rund um die Gesundheit die relevanten Entscheiderinnen und deshalb für die Drogerien die wichtigsten Ansprechpersonen.

Was ist bezüglich vitagate.ch zu sagen?
Im Rahmen der DrogoVision 2010 haben wir auch erkannt, dass sich das Kommunikationsverhalten sehr stark hin zu Online-Medien entwickelt und es war eine Zielsetzung, neben den bewährten Printprodukten eine digitale Plattform aufzubauen, um auch auf diesem Weg bei einer breiten Öffentlichkeit präsent zu sein. Dass sich vitagate.ch heute so gut etabliert hat und von den Usern sehr geschätzt wird, ist ein grosser Erfolg und ich bin etwas stolz darauf, auch künftig im Verwaltungsrat der vitagate ag weiter mitarbeiten zu können. vitagate.ch erreicht gerade auch die jüngeren gesundheitsaffinen Menschen. Über 120 000 pro Monat. Dass diese zwischen vier und fünf Minuten auf der Seite verweilen, zeigt, dass sie finden, was sie suchen, offensichtlich die Artikel gerne lesen und deren informelle Qualität schätzen. Kurzum: gesamthaft gesehen ist Kommunikation sozusagen die dritte, aus meiner Sicht zwingend notwendige Funktion und Aufgabe des Verbands neben Bildung und intensiver politischer Arbeit. Diese drei Schwerpunkte zugunsten der schweizerischen Drogerielandschaft bedingen sich gegenseitig, wenn der Verband und dessen Mitglieder in ihrem Markt erfolgreich tätig sein wollen.

Wie wichtig ist «Neuenburg»?
Die höhere Fachschule für Drogistinnen und Drogisten ESD ist absolut zentral und neben der sehr anspruchsvollen Grundbildung der Garant für unsere Kompetenzen und für die damit verbundenen Ansprüche. Die Leistungen der ESD sind hervorragend und werden pro Jahrgang von rund 35 Studierenden genutzt. Allerdings ist die Finanzierung des Lehrgangs eine grosse Challenge. Seit die Herkunftskantone der Studierenden beschlossen haben, für Ausbildungen an Höheren Fachschulen weniger Unterstützung zu bezahlen – für den Lehrgang dipl. Drogist/-in HF betrug die Reduktion zeitweilig CHF 5000 pro Jahr und Student/-in – muss der Verband ein noch höheres Defizit tragen. Dieses beträgt jährlich zwischen CHF 450 000 und CHF 600 000. Es ist der Branche im Moment nur mit Zusatzbeiträgen der Mitglieder und mit grosser Unterstützung von Sponsoren aus der OTC-Branche möglich, diese im Verhältnis zu den Einnahmen durch Mitgliederbeiträge sehr hohen Beträge zu verkraften.

Es liegt keine entsprechende Lösung auf dem Tisch?
Ja und Nein. Einerseits haben unsere vielen Gespräche, auch mit Unterstützung des Kantons Neuchâtel, mit den verantwortlichen Stellen bei Bund und vor allem bei den Kantonen dazu geführt, dass die Beträge bis Sommer 2018 sukzessive wieder um CHF 1500 pro Student/in und Jahr erhöht wurden. Ebenfalls hilft die erwähnte Unterstützung aus der Pharmaindustrie sehr, dass die Schweizer Drogerien ihre zwingend notwendige Höhere Fachbildung finanzieren können. Diese Anpassungen sind deutlich mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein, aber gelöst ist das Problem dadurch noch nicht.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Drogerien in der Zeit Ihres Wirkens zusammen mit dem Team? Steht noch eine grössere Strukturbereinigung an?
Nach unserer Überzeugung und gemäss unseren Standortanalysen: Nein. Trotz Standortverlusten wächst der Branchenumsatz; die Branche ist gefestigt. Entscheidend ist, dass die Nachfrage seitens der Bevölkerung genau dort wächst, wo wir spezielle Stärken entwickelt haben: Im komplementärmedizinischen Bereich und in der Selbstmedikation. Das sind starke, nachhaltige Trends, auch in Verbindung mit der Prävention.

Sie bekommen zwei Nachfolger: Einen Geschäftsführer und einen Präsidenten. Hat sich das Modell des geschäftsführenden Präsidenten nicht bewährt?
Es hat sich gut bewährt, weil es so gewachsen ist; die Voraussetzungen waren entsprechend. Man liess mich machen und hat mir grosses Vertrauen entgegengebracht. Auch konnte ich mich jederzeit auf eine gute Zusammenarbeit sowohl in der Geschäftsleitung als auch im Zentralvorstand sowie auf die Unterstützung eines motivierten Teams mit vielen langjährigen, erfahrenen Mitarbeitenden verlassen. Jetzt ist die Situation anders, etwas Neues muss entstehen. Ich bin zuversichtlich, dass das gelingen wird, denn sehr viel Know-how, Power und Motivation bleiben auf allen Stufen erhalten, auch wenn ich mich anderen Aufgaben zuwende.

Dem OTC-Branche bleiben Sie erhalten ...
Ja, und das freut mich ausserordentlich. Als Nachfolger von Hans-Rudolf Fuhrer übernehme ich bekanntlich ab Januar 2018 die Geschäftsführung der ASSGP. Nebst den Erfahrungen im Fachhandel kann ich auch auf meine in der Pharmabranche gesammelten Erfahrungen zurückgreifen. In diesem Sinne ist die Arbeit für Anliegen der OTC-Pharmafirmen auch ein wenig «back to the roots».

Besten Dank für das Gespräch, und danke auch für Ihre erfolgreiche Arbeit zugunsten der Drogeriebranche.

 

Die Druckversion des Artikels «Das waren interessante Jahre» finden Sie in OTXWORLD Nr. 145, Dezember 2017. > Magazin-Archiv

 

Martin Bangerter

Martin Bangerter

Bilder: zVg

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