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Heute schon etwas gepostet?

Die unter dem Pseudonym Pharmama bloggende Apothekerin hat ein Pharmaziestudium in der Schweiz absolviert, Abschluss 1998. Seitdem hat sie als angestellte Apothekerin in einer Quartierapotheke mit Drogerie gearbeitet, in der sie später die Verwaltung übernommen hat. Im Interview verrät sie uns ihre wichtigsten Tipps für einen eigenen Blog und ihre Erfahrungen als Apothekerin und Bloggerin.

Den ergänzenden Artikel «Heute schon etwas gepostet?» finden Sie in OTXWORLD Nr. 148, Februar 2018. > Magazin-Archiv

Durch Social Media die Auffindbarkeit im Internet erhöhen

 
Interview mit Pharmama
 

Wie bist du zum Bloggen gekommen?
In den paar Wochen Mutterschaftsurlaub habe ich angefangen, im Internet zu surfen, und bin dabei zufällig über amerikanische Apothekerblogs gestolpert. Nach dem Einlesen hat mich die Lust gepackt, selber zu schreiben – für die Schweizer Apotheken. Und so den Leuten einen Einblick in unsere Arbeit zu geben, die sie sonst nicht haben. Dabei geholfen hat, dass ich schon seit dem Praktikum im Studium ein «schwarzes Büchlein» mit erinnerungswerten Patientenkontakten führte – das übertrug ich so nach und nach auf den Blog. Seitdem kamen natürlich neue dazu. Der Blog stellte sich für mich als gutes Ablassventil heraus und mit steigender Leserschaft auch als Mittel zum Austausch nicht nur von Meinungen, sondern auch von Wissen.

Warum bloggst du anonym?
Hauptsächlich wegen des Patientengeheimnisses – und weil ich persönlich nicht so sehr die Aufmerksamkeit brauche. Ich verändere zwar immer die Details bei den Geschichten, die ich aus der Apotheke erzähle; so sind die Namen alle erfunden. Dennoch schützt am Ende vor allem meine Anonymität und die Tatsache, dass man nicht weiss, um welche Apotheke es sich handelt. 
 
Dein Blog ist quasi eine Mischung aus einem Elternblog – die es mittlerweile wie Sand am Meer gibt – und einem Apothekerblog, die äusserst rar sind in der Schweiz. Wieso nicht zwei getrennte Blogs?
Ah – zu viel Arbeit? Aber ich bringe auch nicht wirklich viel von meinem Junior. Trotzdem ist es schön, kann man die eigenen Gedanken reflektieren und auch zu diesem Thema die Meinungen und Erfahrungen anderer Eltern in ähnlichen Situationen einholen.
 
Wer ist deine Zielgruppe? 
Leute, die an der Arbeit der Apotheke interessiert sind. Egal ob vom Fach – also auch im Gesundheitssektor arbeitend – oder betroffen, sprich Patient, oder einfach so.
 
Welches Feedback bekommst du von Fachpersonen aus Apotheken?
Grundsätzlich positives. Ich höre oft, dass mein Blog gerne gelesen wird, weil es ihnen genauso geht. Von Ärzten höre ich öfter, dass sie durch meinen Blog etwas gelernt haben – nicht nur über unsere Arbeit, sondern auch über ihre eigene, wie zum Beispiel Rezepte richtig ausstellen. 
 
Gibt es auch User, die deinen Rat als Apothekerin bei Beschwerden anfragen?
Gibt es. Im Normalfall antworte ich dann damit, dass ich wohl eine Apothekerin bin, aber nicht seine (oder ihre) Apothekerin. Und dass es meist schlechte Praxis ist, Rat via Internet zu geben, weil ich nicht alle nötigen Informationen haben kann.
 
Was würdest du Berufskollegen raten, die einen Blog starten möchten?
Wenn ihr einen Blog zur Apothekenhomepage als Werbeinstrument machen wollt, dann ist es wichtig, regelmässig zu schreiben, und dass ihr Euch der Einschränkungen auch da bewusst seid: Beim Vorstellen von Produkten gilt es, sehr darauf zu achten, keine Heilanpreisungen für Nicht-Medikamente zu machen. Werbung für Rezeptpflichtiges ist ebenfalls nicht erlaubt. Wenn ihr Mitarbeiter- oder gar Patientengeschichten oder Bilder bringt, braucht ihr dafür von den Betreffenden die Einwilligung. Themen gibt es sicher genug. 
Wenn ihr wie ich über die Apothekenarbeit bloggen wollt, macht das anonym. Das braucht einiges mehr Aufwand, aber wenn man über Patienten schreibt, schützt das auch die Patienten entsprechend. Man sollte sich bewusst sein, dass trotz aller Anstrengungen die Anonymität kaum ewig anhält. Man sollte also mit derselben Empathie schreiben, die man auch bei der Arbeit aufbringt. Das Internet vergisst nicht.
 
Manche Blogger können sogar vom Bloggen leben? Bzw. sie gestalten ihren Blog als erweitertes Serviceangebot zur Apotheke und möchten so Mehrwert generieren.
Da gibt es den Profi-Blogger – meist auf Beauty oder Reisen und so weiter –, der mit dem Bloggen auch über Produkte oder Hotels / Attraktionen genug Werbeeinnahmen generiert.  Bei wirklichen Apothekenblogs ist man doch einigen Einschränkungen unterworfen: Keine Werbung für rezeptpflichtige Medikamente. Ich nenne im Blog wirkliche Produktenamen, schaue aber gut, dass das deutlich – meist persönliche – Erfahrungsberichte sind und nicht als Produktanpreisung missverstanden werden können. Beim Rest muss man aufpassen, dass man nicht Heilanpreisungen bei zum Beispiel Nahrungsergänzungsmitteln bringt. Da gibt es einen Dschungel an Vorschriften und Vorgaben, welche Ausdrücke jetzt wann erlaubt sind. Dann kann man natürlich seine Dienstleistungen anbieten … nur bringen die so trocken auch nicht wirklich viel. Was lesen die Leute gerne? Persönliche Geschichten von echten Menschen – und das kann man nicht einfach ungefiltert bringen, gerade in einem offiziellen Blog einer Apotheke. 
Aber: Durch das Bloggen sind auch bei mir ein paar erweiterte Einnahmequellen entstanden. So veröffentlichte ich letztes Jahr sechs «Sponsored Posts». Ich schreibe auch diese Artikel selber, sie müssen zum Thema Gesundheit passen und für die Leser einen gewissen Mehrwert bringen. Ich bekomme einiges mehr an Anfragen, aber meistens passt das einfach nicht.
Zudem habe ein Buch bei einem Verlag veröffentlicht: «Haben Sie diese Pille auch in grün?», eines im Selbstverlag «Einmal täglich», ich bringe gelegentlich Sponsored Posts in meinem Blog und ich schreibe auch Texte in professionellerem Rahmen: für Pharmapro, die astreaAPOTHEKE ... Bis jetzt reicht es allerdings nicht, um davon zu leben. Das will ich eigentlich auch nicht. Dafür gefällt es mir in der Apotheke zu gut.
 
Was gefällt dir am besten an deinem Beruf?
Die unglaubliche Breite – und auch die Verantwortung, die er bringt. Unsere Arbeit hat direkte Auswirkung auf die Gesundheit der Patienten und das gibt oft auch sehr schöne Rückmeldungen. Ausserdem, dass ich Beruf und Familie unter einen Hut bringen kann, indem ich nicht 100 Prozent arbeite – also ich gebe 100 Prozent, wenn ich da bin, aber ich bin nicht immer in der Apotheke. 
 
Und was weniger?
Lange und oft nicht regelmässige Arbeitszeiten. Ich stehe gelegentlich bis 12 Stunden am Stück in der Apotheke. Zudem, dass es  keine richtige Mittagspause gibt, Notfalldienste und das Arbeiten am Wochenende … das geht immer zu Lasten der Familie.  Ausserdem laugt der direkte Kundenkontakt doch ziemlich aus. Ich bin eigentlich eine eher introvertierte Person und am Abend komme ich dann spät nach Hause und will oft gar nicht mehr reden … Redequotum für den Tag mehr als erreicht.
 
Wie siehst du die Zukunft der Apotheken?
Ich bin ziemlich sicher, dass der Onlineversand zunehmen wird. Wenn es neue Dienstleistungen gibt, werden die genutzt. Wir sollten in die Apotheke implementieren, was davon sinnvoll und praktikabel ist, wir machen das auch bereits. Zum Glück kann «Online» eine Apotheke vor Ort jedoch nicht komplett ersetzen. Man sollte sich bewusst sein, dass gerade ältere Menschen von der Apotheke profitieren und bis die digital natives so alt sind, dauert es doch noch ein paar Jahre.
 
Du verfolgst auch die Blogs amerikanischer und deutscher Kollegen. Was läuft im Ausland für die Apotheker besser? Was schlechter?
Die Apothekenlandschaft verändert sich stetig – und am Beispiel Ausland kann man gut sehen, wohin gewisse Entwicklungen führen. Vergleichsweise geht es uns, also den Apotheken und Patienten in der Schweiz, wirklich gut.
In den USA, wo die Versicherung nicht obligatorisch ist, lese ich immer von den Problemen mit den Preisen der Medikamente. Auch Versicherte bezahlen da einiges mehr drauf als hier und vieles wird nur unter sehr spezifischen Bedingungen übernommen. Dass die Apotheken da die Medikamente aus grossen Behältnissen in kleinere abfüllen für die Kunden, ist nicht zwingend eine Kostenersparnis, führt aber zu Mehraufwand und ist eine weitere Fehlerquelle betreffend Menge und Inhalt. Patienten warten deshalb zwischen 15 Minuten bis zu mehreren Stunden, bis sie ihr Medikament bekommen. Apotheker dort haben tatsächlich weniger Patientenkontakt als wir – sie stehen hinter ihrer Trennwand und zählen und vergleichen und kontrollieren eigentlich den ganzen Tag oder streiten mit der Versicherung. Dort gibt es auch nur entweder rezeptpflichtige Medikamente oder dann freiverkäufliche – und die freiverkäuflichen stehen dann in den Regalen vorne im Supermarkt. In Grosspackungen. Ohne jegliche Beratung dazu. Deshalb sind die USA auch das Land, in dem wohl vergleichsweise die meisten wegen Wechselwirkungen oder Überdosierungen im Spital landen. Von Apothekern, die in Ketten mit 24-Stunden-Apotheken und Drive-through arbeiten, hört man von wahnsinnig langen Arbeitszeiten, kaum Pausen und von Personalmangel vor allem bei den «Tech», das entspricht den Pharmaassistenten hier.
In Deutschland entwickelte es sich leider für die Apotheken ebenfalls in eine sehr ungünstige Richtung. Weil man den Krankenkassen erlaubt hat, sogenannte Rabattverträge mit Medikamentenherstellern abzuschliessen, bekommen Patienten ihre Medikamente in häufig wechselnden Packungen und Formen. Die Krankenkassen hier in der Schweiz drängen übrigens in eine ähnliche Richtung. Dazu kommt in Deutschland noch, dass die Apotheke, die bei der Auswahl des Generikums praktisch nichts mehr zu sagen hat, von der Krankenkasse bei Nichtbefolgen dieser und vieler anderer Vorschriften abgestraft werden kann. Und zwar indem die abgegebenen Medikamente retaxiert werden – die Apotheke bekommt gar kein Geld für die erbrachte Leistung. Der neueste Clou ist, dass der Europäische Gerichtshof für ausländische Versandapotheken die Preisbindung für rezeptpflichtige Medikamente gekippt hat – also ist es Versendern aus dem Ausland erlaubt, Rabatte zu nehmen, zum Beispiel beim Einkauf, oder anzubieten, was die deutschen Apotheken nicht dürfen. Überhaupt werden die Apotheken dort enorm eingeschränkt und in ihren Möglichkeiten beschnitten. Sie dürfen kein apothekenfremdes Sortiment führen oder Dienstleistungen wie Schönheitsbehandlungen anbieten, keine Diagnosen stellen, nicht einmal Verdachtsdiagnosen, keine rezeptpflichtigen Medikamente ohne Rezept abgeben, Dauerrezepte gibt es nicht, Rezepte müssen im Original vorliegen … Den Apotheken wird dort so viel Verantwortung einfach abgesprochen, dass ich die Klagen darüber gut verstehen kann. 
 

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Den ergänzenden Artikel «Heute schon etwas gepostet?» finden Sie in OTXWORLD Nr. 148, Februar 2018. > Magazin-Archiv

 

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